{"id":2155,"date":"2026-04-19T01:21:21","date_gmt":"2026-04-19T01:21:21","guid":{"rendered":"https:\/\/expatcircle.com\/cms\/de\/?p=2155"},"modified":"2026-04-19T01:51:18","modified_gmt":"2026-04-19T01:51:18","slug":"munklers-imperien-grose-worte-leere-kategorien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/expatcircle.com\/cms\/de\/munklers-imperien-grose-worte-leere-kategorien\/","title":{"rendered":"M\u00fcnklers Imperien: Gro\u00dfe Worte, leere Kategorien"},"content":{"rendered":"<p>Nach Herfrieds selten bl\u00f6dem Artikel \u00fcber <a href=\"https:\/\/expatcircle.com\/cms\/de\/boomer-herfried-munkler-heroische-und-postheroische-gesellschaften\/\">Heroische und postheroische Gesellschaften,\u00a0 <\/a>musste er noch mal ins Klo greifen.<\/p>\n<p data-start=\"176\" data-end=\"567\">Wer den vollst\u00e4ndigen <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Imperien-kehren-zurueck-und-Europa-muss-Farbe-bekennen-11261023.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Telepolis-Text<\/a> von Herfried M\u00fcnkler liest, bekommt den Eindruck, hier spreche jemand mit historischer Wucht \u00fcber die Gegenwart: Imperien seien zur\u00fcck, sie bestimmten die Welt, und Europa m\u00fcsse endlich \u201eFarbe bekennen\u201c. Das klingt nach Analyse, nach strategischer Tiefe. In Wirklichkeit ist es vor allem eines: ein rhetorisch aufgepumpter Begriff ohne analytischen Kern.<\/p>\n<p data-start=\"569\" data-end=\"1033\">M\u00fcnkler hantiert mit dem Wort \u201eImperium\u201c, als w\u00e4re es selbsterkl\u00e4rend. Ein Zentrum, eine Peripherie, ein bisschen Einfluss, ein bisschen Macht \u2013 und schon ist man im Club der Imperien. Dass diese Definition so weit gefasst ist, dass sie praktisch alles umfasst, scheint ihn nicht zu st\u00f6ren. Im Gegenteil: Genau diese Unsch\u00e4rfe erm\u00f6glicht es ihm, v\u00f6llig unterschiedliche Systeme in denselben Topf zu werfen und daraus eine gro\u00dfe geopolitische Erz\u00e4hlung zu stricken.<\/p>\n<p data-start=\"1035\" data-end=\"1114\">Das Problem ist nur: Eine Kategorie, die alles beschreibt, erkl\u00e4rt nichts mehr.<\/p>\n<p data-start=\"1116\" data-end=\"1267\">Hier lohnt sich ein Blick auf <span class=\"hover:entity-accent entity-underline inline cursor-pointer align-baseline\"><span class=\"whitespace-normal\">Dmitry Orlov<\/span><\/span>, der mit einem einzigen Satz mehr Klarheit schafft als M\u00fcnkler auf mehreren Seiten:<\/p>\n<blockquote data-start=\"1269\" data-end=\"1374\">\n<p data-start=\"1271\" data-end=\"1374\">\u201eDie Sowjetunion war kein Imperium; sie hat ihre Peripherie nicht ausgebeutet, sondern subventioniert.\u201c Orlov<\/p>\n<\/blockquote>\n<p data-start=\"1376\" data-end=\"1725\">Dieser Satz ist kein Nebengedanke, sondern ein Pr\u00fcfstein. Er zwingt dazu, Imperien nicht \u00fcber ihre Gr\u00f6\u00dfe oder milit\u00e4rische Macht zu definieren, sondern \u00fcber ihre \u00f6konomische Funktionsweise. Ein Imperium lebt davon, dass Ressourcen von der Peripherie ins Zentrum flie\u00dfen. Ohne diese strukturelle Extraktion ist der Begriff schlicht falsch angewendet.<\/p>\n<p data-start=\"1727\" data-end=\"1887\">Genau diese Frage stellt M\u00fcnkler nicht. Er umkreist Macht, Einfluss und Ordnung, aber er vermeidet konsequent die zentrale Frage: Wer finanziert eigentlich wen?<\/p>\n<p data-start=\"1889\" data-end=\"2356\">Denn die Antwort w\u00fcrde seine These sofort ins Wanken bringen. Ein System, das seine \u201ePeripherie\u201c alimentiert, statt sie auszubeuten, ist kein Imperium im klassischen Sinne. Es ist etwas anderes \u2013 vielleicht ineffizient, vielleicht instabil, aber eben nicht imperial. Orlovs Beobachtung zur <span class=\"hover:entity-accent entity-underline inline cursor-pointer align-baseline\"><span class=\"whitespace-normal\">Sowjetunion<\/span><\/span> ist deshalb so brisant, weil sie genau diesen Unterschied sichtbar macht. Sie zeigt, dass Machtprojektion und Imperium nicht dasselbe sind.<\/p>\n<p data-start=\"2358\" data-end=\"2773\">M\u00fcnkler hingegen bleibt auf der Oberfl\u00e4che. Er beschreibt Einflusszonen, Machtbl\u00f6cke, geopolitische Dynamiken \u2013 alles Begriffe, die Eindruck machen, aber wenig erkl\u00e4ren. Die \u00f6konomischen Mechanismen, die ein Imperium \u00fcberhaupt erst definieren w\u00fcrden, tauchen bei ihm bestenfalls am Rand auf. Das ist kein Versehen, sondern der Kern des Problems: Seine Theorie funktioniert nur, solange man nicht zu genau hinschaut.<\/p>\n<p data-start=\"2775\" data-end=\"3129\">Denn in dem Moment, in dem man fragt, woher der Reichtum kommt und wohin er flie\u00dft, zerf\u00e4llt die gro\u00dfe Imperien-Erz\u00e4hlung in ihre Einzelteile. Dann wird sichtbar, dass nicht jede dominierende Macht automatisch ein Imperium ist, und dass es fundamentale Unterschiede zwischen milit\u00e4rischer Kontrolle, politischem Einfluss und \u00f6konomischer Ausbeutung gibt.<\/p>\n<p data-start=\"3131\" data-end=\"3557\">Diese Unterschiede verwischt M\u00fcnkler systematisch. Aus analytischer Sicht ist das fatal. Denn es f\u00fchrt dazu, dass v\u00f6llig verschiedene Strukturen gleichgesetzt werden, nur weil sie \u00e4u\u00dferlich \u00e4hnlich wirken. Ein globales Finanzsystem, das Kapitalstr\u00f6me lenkt, funktioniert anders als ein milit\u00e4risches B\u00fcndnis oder ein ideologisch gepr\u00e4gter Machtblock. Wer das nicht unterscheidet, betreibt keine Analyse, sondern Etikettierung.<\/p>\n<p data-start=\"3559\" data-end=\"3942\">Und genau hier kippt M\u00fcnklers Text endg\u00fcltig ins Normative. Die Diagnose der \u201eR\u00fcckkehr der Imperien\u201c wirkt pl\u00f6tzlich weniger wie eine n\u00fcchterne Beschreibung der Welt, sondern wie eine Vorbereitung auf eine politische Forderung: Europa m\u00fcsse selbst imperial denken und handeln. Wenn aber schon die Ausgangskategorie unscharf ist, wird auch die daraus abgeleitete Strategie fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p data-start=\"3944\" data-end=\"4153\">Am Ende bleibt von M\u00fcnklers Argumentation vor allem ein Eindruck von Gr\u00f6\u00dfe \u2013 gro\u00dfe Begriffe, gro\u00dfe historische Linien, gro\u00dfe geopolitische Gesten. Was fehlt, ist die Pr\u00e4zision, die solche Thesen tragen m\u00fcsste.<\/p>\n<p data-start=\"287\" data-end=\"617\">M\u00fcnkler verkennt damit nicht nur, was ein Imperium strukturell ausmacht, sondern auch, worauf es im Kern beruht: Ein Imperium ist nicht nur Macht, Territorium oder Einfluss \u2013 es ist immer auch eine tragende Idee, ein innerer Anspruch, f\u00fcr den Menschen bereit sind, Risiken einzugehen und Opfer zu bringen. Genau das fehlt heute.<\/p>\n<p data-start=\"619\" data-end=\"884\">Und darin liegt der eigentliche blinde Fleck seiner Analyse:<br data-start=\"679\" data-end=\"682\" \/>Nicht weil Europa \u201epostheroisch\u201c geworden ist, fehlt ihm die Durchsetzungskraft \u2013 sondern weil es keinen \u00fcberzeugenden Zweck mehr gibt, der \u00fcber Verwaltung, Wohlstand und Selbstbehauptung hinausweist.<\/p>\n<blockquote data-start=\"906\" data-end=\"1027\">\n<p data-start=\"908\" data-end=\"1027\"><strong>Die blanke Wahrheit ist, es gibt schlicht und einfach nichts mehr, f\u00fcr das es sich in Europa zu k\u00e4mpfen lohnen w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p data-start=\"1029\" data-end=\"1112\" data-is-last-node=\"\" data-is-only-node=\"\">Und ohne eine solche Idee bleibt jede Rede von Imperien nichts weiter als Rhetorik.<\/p>\n<p data-start=\"4300\" data-end=\"4448\" data-is-last-node=\"\" data-is-only-node=\"\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Herfrieds selten bl\u00f6dem Artikel \u00fcber Heroische und postheroische Gesellschaften,\u00a0 musste er noch mal ins Klo greifen. 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