Münklers Imperien: Große Worte, leere Kategorien

Nach Herfrieds selten blödem Artikel über Heroische und postheroische Gesellschaften,  musste er noch mal ins Klo greifen.

Wer den vollständigen Telepolis-Text von Herfried Münkler liest, bekommt den Eindruck, hier spreche jemand mit historischer Wucht über die Gegenwart: Imperien seien zurück, sie bestimmten die Welt, und Europa müsse endlich „Farbe bekennen“. Das klingt nach Analyse, nach strategischer Tiefe. In Wirklichkeit ist es vor allem eines: ein rhetorisch aufgepumpter Begriff ohne analytischen Kern.

Münkler hantiert mit dem Wort „Imperium“, als wäre es selbsterklärend. Ein Zentrum, eine Peripherie, ein bisschen Einfluss, ein bisschen Macht – und schon ist man im Club der Imperien. Dass diese Definition so weit gefasst ist, dass sie praktisch alles umfasst, scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil: Genau diese Unschärfe ermöglicht es ihm, völlig unterschiedliche Systeme in denselben Topf zu werfen und daraus eine große geopolitische Erzählung zu stricken.

Das Problem ist nur: Eine Kategorie, die alles beschreibt, erklärt nichts mehr.

Hier lohnt sich ein Blick auf Dmitry Orlov, der mit einem einzigen Satz mehr Klarheit schafft als Münkler auf mehreren Seiten:

„Die Sowjetunion war kein Imperium; sie hat ihre Peripherie nicht ausgebeutet, sondern subventioniert.“ Orlov

Dieser Satz ist kein Nebengedanke, sondern ein Prüfstein. Er zwingt dazu, Imperien nicht über ihre Größe oder militärische Macht zu definieren, sondern über ihre ökonomische Funktionsweise. Ein Imperium lebt davon, dass Ressourcen von der Peripherie ins Zentrum fließen. Ohne diese strukturelle Extraktion ist der Begriff schlicht falsch angewendet.

Genau diese Frage stellt Münkler nicht. Er umkreist Macht, Einfluss und Ordnung, aber er vermeidet konsequent die zentrale Frage: Wer finanziert eigentlich wen?

Denn die Antwort würde seine These sofort ins Wanken bringen. Ein System, das seine „Peripherie“ alimentiert, statt sie auszubeuten, ist kein Imperium im klassischen Sinne. Es ist etwas anderes – vielleicht ineffizient, vielleicht instabil, aber eben nicht imperial. Orlovs Beobachtung zur Sowjetunion ist deshalb so brisant, weil sie genau diesen Unterschied sichtbar macht. Sie zeigt, dass Machtprojektion und Imperium nicht dasselbe sind.

Münkler hingegen bleibt auf der Oberfläche. Er beschreibt Einflusszonen, Machtblöcke, geopolitische Dynamiken – alles Begriffe, die Eindruck machen, aber wenig erklären. Die ökonomischen Mechanismen, die ein Imperium überhaupt erst definieren würden, tauchen bei ihm bestenfalls am Rand auf. Das ist kein Versehen, sondern der Kern des Problems: Seine Theorie funktioniert nur, solange man nicht zu genau hinschaut.

Denn in dem Moment, in dem man fragt, woher der Reichtum kommt und wohin er fließt, zerfällt die große Imperien-Erzählung in ihre Einzelteile. Dann wird sichtbar, dass nicht jede dominierende Macht automatisch ein Imperium ist, und dass es fundamentale Unterschiede zwischen militärischer Kontrolle, politischem Einfluss und ökonomischer Ausbeutung gibt.

Diese Unterschiede verwischt Münkler systematisch. Aus analytischer Sicht ist das fatal. Denn es führt dazu, dass völlig verschiedene Strukturen gleichgesetzt werden, nur weil sie äußerlich ähnlich wirken. Ein globales Finanzsystem, das Kapitalströme lenkt, funktioniert anders als ein militärisches Bündnis oder ein ideologisch geprägter Machtblock. Wer das nicht unterscheidet, betreibt keine Analyse, sondern Etikettierung.

Und genau hier kippt Münklers Text endgültig ins Normative. Die Diagnose der „Rückkehr der Imperien“ wirkt plötzlich weniger wie eine nüchterne Beschreibung der Welt, sondern wie eine Vorbereitung auf eine politische Forderung: Europa müsse selbst imperial denken und handeln. Wenn aber schon die Ausgangskategorie unscharf ist, wird auch die daraus abgeleitete Strategie fragwürdig.

Am Ende bleibt von Münklers Argumentation vor allem ein Eindruck von Größe – große Begriffe, große historische Linien, große geopolitische Gesten. Was fehlt, ist die Präzision, die solche Thesen tragen müsste.

Münkler verkennt damit nicht nur, was ein Imperium strukturell ausmacht, sondern auch, worauf es im Kern beruht: Ein Imperium ist nicht nur Macht, Territorium oder Einfluss – es ist immer auch eine tragende Idee, ein innerer Anspruch, für den Menschen bereit sind, Risiken einzugehen und Opfer zu bringen. Genau das fehlt heute.

Und darin liegt der eigentliche blinde Fleck seiner Analyse:
Nicht weil Europa „postheroisch“ geworden ist, fehlt ihm die Durchsetzungskraft – sondern weil es keinen überzeugenden Zweck mehr gibt, der über Verwaltung, Wohlstand und Selbstbehauptung hinausweist.

Die blanke Wahrheit ist, es gibt schlicht und einfach nichts mehr, für das es sich in Europa zu kämpfen lohnen würde.

Und ohne eine solche Idee bleibt jede Rede von Imperien nichts weiter als Rhetorik.