USA, Zusammenbruch ohne Sollbruchstelle

Dimitry Orlov kündigt in diesem Video an, in Zukunft den größten Teil seiner Posts als Vlog zu veröffentlichen. Er glaubte früher, die Feder sei mächtiger als die Kamera, aber er ist sich nicht mehr so sicher. Da er eine Videokamera habe, warum soll er diese nicht auch nutzen? Dieses Video ist teils organisatorische Mitteilung, teils Beichte.

 

Zusammenbruch ohne Sollbruchstelle

von Dmitry Orlov

Dieser Text erscheint in der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Dmitry Orlov. Er erscheint zuerst auf seinem Blog als Disgraceful degradation.

 

Im Jahr 2005 veröffentlichte ich auf Mike Rupperts Website „From The Wilderness“ eine Reihe von Artikeln unter dem Titel „Post Soviet Lessons for a Post American Century“. Darin stellte ich die These auf, dass die USA im Wesentlichen genauso zusammenbrechen würden wie die Sowjetunion, nur etwas später.

Wie viel später, sagte ich nicht. Diese Artikel bildeten die Grundlage für mein 2008 erschienenes Buch „Reinventing Collapse“, das ziemlich erfolgreich war und sogar einen Independent Publishers Award gewann. Die zentrale These lautete, dass die Sowjetunion unbeabsichtigt wesentlich besser auf einen Zusammenbruch vorbereitet war als die USA. In diesem Buch schlug ich bescheiden vor, gewisse Vorbereitungen auf einen Zusammenbruch der USA zu treffen. Dieser Vorschlag stieß weitgehend auf taube Ohren.

2013 veröffentlichte ich dann mein nächstes Buch, „The Five Stages of Collapse“, das inzwischen in zehn Sprachen erschienen ist. Manche sagen, es sei ein grundlegender Text gewesen, auf dem die neue Wissenschaft der Kollapsologie aufbaute. Da bin ich mir nicht so sicher. Es war ein Franzose, der diese neue Disziplin vorgeschlagen hat, und auf Französisch klingt sie tatsächlich besser: „collapsologie“. Seitdem habe ich ein ganzes Bücherregal voller Essaybände veröffentlicht, die sich mit verschiedenen Aspekten derselben allgemeinen These beschäftigen.

Sie alle beruhten auf einer bestimmten Annahme: Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion seien weitgehend spiegelbildlich aufgebaut gewesen und müssten deshalb irgendwann ein ähnliches Schicksal erleiden. Schließlich waren sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die beiden großen Supermächte der Welt. Zwischen 1945 und 1991 beherrschten sie gemeinsam praktisch den gesamten Planeten. Sie teilten ihn grob in zwei Hälften, Ostblock und Westblock.

Sie vertraten diametral entgegengesetzte Ideologien: freien Marktkapitalismus in den Vereinigten Staaten und kommunistische Zentralplanung in der Sowjetunion. Beide Ideologien waren eine Zeit lang ausgesprochen modern und äußerst erfolgreich. Die Sowjetunion stellte sogar einen historischen Rekord beim Industriewachstum auf: 29 Prozent in einem Jahr. Das war 1936 unter Stalin. Heute gelten beide Ideologien fast überall als erledigt. Das derzeit erfolgreichste Modell ist eine Mischung aus politischem Kommunismus und wirtschaftlichem Kapitalismus mit ausgeprägt chinesischen Besonderheiten. Es nachahmen zu wollen ist allerdings ziemlich sinnlos, solange man es nicht irgendwie schafft, selbst Chinese zu werden.

Um meine Kollapshypothese etwas weiter auszuarbeiten, entwickelte ich etwas, das ich „Superpower Collapse Soup“ nannte, die Suppe des Supermachtzusammenbruchs. Ihre wichtigsten Zutaten sind vier grundlegende makroökonomische und ressourcenbedingte Faktoren. Ich glaubte, dass genau diese Faktoren eine globale Supermacht auf einen unausweichlichen Weg in den Zusammenbruch bringen: ein schweres und chronisches Defizit bei der heimischen Rohölproduktion, ein wachsendes Handelsdefizit, ein außer Kontrolle geratener Militärhaushalt und eine explosionsartig zunehmende Auslandsverschuldung. Schauen wir uns diese vier Zutaten kurz an.

Die konventionelle Erdölförderung der Vereinigten Staaten erreichte 1970 unter Nixon ihren Höhepunkt. Das löste eine schwere Krise aus, aber keinen Zusammenbruch. Die weltweite konventionelle Ölförderung erreichte 2005 oder 2006 ihren Höhepunkt, worauf 2008 beinahe das Finanzsystem zusammenbrach. Dann kam unkonventionelles Schieferöl zur Rettung. Doch auch dessen Wachstum endete, und seit 2019 bewegt sich die Förderung mehr oder weniger auf einem Plateau. Wahrscheinlich wird sie irgendwann zurückgehen, zunächst langsam, dann immer schneller. Gleichzeitig hat Trumps gescheiterter Krieg gegen den Iran die Straße von Hormus blockiert. Trumps altes Gehirn scheint nicht verarbeiten zu können, dass er verloren hat. Dadurch wird das Problem praktisch unlösbar. Unterdessen wurde die strategische Erdölreserve der Vereinigten Staaten weitgehend geleert, in dem vergeblichen Versuch, die Preise für Benzin und Diesel unter Kontrolle zu halten.

Dabei sollte man eines bedenken: Schieferöl ist nicht wirklich Öl im herkömmlichen Sinn. Es besteht zum großen Teil aus sehr leichtem Kondensat und eignet sich deshalb nur begrenzt zur Herstellung von Diesel oder Flugzeugtreibstoff. Gerade Diesel und Kerosin treiben jedoch einen großen Teil des amerikanischen Güterverkehrs an. Um daraus brauchbaren Diesel herzustellen, muss das leichte Schieferöl mit importiertem Schweröl vermischt werden, etwa aus Kanada, Saudi Arabien, Russland oder Venezuela. Der jüngste Versuch, an Venezuelas Schweröl heranzukommen, wirkt deshalb wie ein Akt der Verzweiflung. Wobei auch venezolanisches Öl nicht gerade das ist, was man sich gewöhnlich unter Öl vorstellt. Es ist eher Teer, der zwischen 350 und 1.000 Meter unter der Erde liegt. Die gute Nachricht lautet, dass es dort unten warm genug ist, um zu fließen. Die schlechte Nachricht lautet, dass es trotzdem Teer bleibt. Er muss mit leistungsfähigen Pumpen aus dem Boden geholt und anschließend mit importiertem Naphtha oder anderen leichten Kohlenwasserstoffen verdünnt werden, damit er auch nach dem Abkühlen fließfähig bleibt. Eine deutliche Ausweitung der venezolanischen Produktion würde den größten Teil eines Jahrzehnts dauern und Investitionen von mehreren hundert Milliarden Dollar erfordern. Selbst danach wäre das daraus entstehende Produkt sehr teuer. Eine schnelle Lösung der drohenden Ölknappheit sieht anders aus.

Auch der Versuch, fossile Energie durch Wind und Sonne zu ersetzen, verlief nicht ganz wie geplant. Natürlich können Windräder Strom liefern, solange der Wind weht, und Solarpaneele, solange die Sonne scheint. Aber wie nützlich ist das wirklich? Wind und Sonne brauchen Reservekapazitäten, meist auf Erdgasbasis. Diese Kraftwerke stehen einen erheblichen Teil der Zeit still, müssen aber trotzdem gebaut, gewartet und bezahlt werden. Dazu kommen die Kosten der Windräder und Solaranlagen selbst. Und nun stellen die Europäer auch noch fest, dass erneuerbare Energien offenbar das Klima verändern. Riesige Windparks an den Küsten verändern Luftströmungen, dunkle Solaranlagen heizen Flächen auf, und siehe da, Menschen sterben während sommerlicher Hitzewellen an Hitzschlag, Felder und Wälder brennen, Flüsse trocknen aus und Kernkraftwerke müssen abgeschaltet werden, weil das Kühlwasser fehlt.

Kommen wir zur nächsten Zutat unserer Kollapssuppe. Das amerikanische Handelsdefizit ist seit der Großen Rezession von 2008 und 2009 erheblich gewachsen und hat sich beinahe verdoppelt. Dabei hat sich nicht nur die Menge, sondern auch die Bedeutung der Importe verändert. Die amerikanische Wirtschaft funktioniert inzwischen nicht mehr ohne einen stetigen Strom chinesischer Produkte. Mehr noch, die Vereinigten Staaten können selbst viele ihrer Waffensysteme nicht mehr ohne chinesische Bauteile und Materialien herstellen. Vor diesem Hintergrund bekommt die Vorstellung, China militärisch entgegentreten zu wollen, einen gewissen komischen Reiz.

Apropos amerikanischer Militärhaushalt: Er ist völlig außer Kontrolle geraten. Inzwischen liegt er bei mehr als einer Billion Dollar im Jahr und übersteigt die Verteidigungsausgaben der nächsten zehn Länder zusammen. Er ist zwischen fünfzig und hundert Mal so groß wie der iranische Verteidigungshaushalt. Die Vereinigten Staaten haben gerade einen Krieg gegen den Iran verloren. Welche Schlüsse man daraus hinsichtlich der Effektivität amerikanischer Verteidigungsausgaben ziehen möchte, bleibt jedem selbst überlassen.

Dann gibt es noch die Verschuldung. Die amerikanischen Staatsschulden haben inzwischen die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Ein großer Teil davon wird von Institutionen innerhalb der Vereinigten Staaten gehalten, etwa vom Social Security Trust Fund, dem größten Gläubiger. Rund ein Drittel befindet sich allerdings in ausländischer Hand, und genau dort werden die Anzeichen von Stress immer deutlicher. Besonders wichtig ist die Rendite zehnjähriger US‑Staatsanleihen. Sie erreichte im Juni 2008 4,29 Prozent, fiel dann in der Ära des billigen Geldes und der galoppierenden Verschuldung bis auf ein historisches Tief von 0,52 Prozent und durchbrach Ende 2023 wieder die Marke von fünf Prozent. Da die Renditen hoch bleiben, muss Washington immer höhere Zinsen bezahlen, um ausländische Anleger dazu zu bewegen, weiterhin amerikanische Staatspapiere zu kaufen, während gleichzeitig viele versuchen, ihre Bestände abzubauen. Allein der Schuldendienst hat inzwischen die Marke von 1,5 Billionen Dollar überschritten.

Damit beginnt das Ganze ein wenig nach Todesspirale auszusehen. Die Regierung muss immer mehr Geld aufbringen, um ihre wachsenden Schulden zu bedienen, und gleichzeitig immer neue Schulden aufnehmen, um den ebenfalls wachsenden Staatshaushalt zu finanzieren. Der Schuldendienst kostet inzwischen mehr als das Militär. Historisch betrachtet war das für militärische Imperien selten ein gutes Zeichen. Finanzminister Scott Bessent hat deshalb einen Rückkaufplan vorgeschlagen. Das Finanzministerium soll etwa eine Billion Dollar aus seinen Bargeldreserven verwenden, um neu ausgegebene Staatspapiere zurückzukaufen und damit die Zinsen zu drücken. Das wirkt wie eine ausgesprochen kurzfristige Strategie, denn wenig später wird das Finanzministerium genau dieses Geld und noch mehr wieder aufnehmen müssen, um den Staat am Laufen zu halten. Dazu wird es erneut genau jene Staatspapiere ausgeben, die es gerade zurückgekauft hat. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um die lange Frist. Vielleicht lässt sich der Markt auf diese Weise noch eine Weile manipulieren, und vielleicht verdient Bessent, der ohnehin schon sehr reich ist, dabei noch etwas mehr.

Nun gibt es allerdings ein Problem mit meiner Kollapssuppe. Diese Zutaten liegen seit rund zwanzig Jahren im Topf und köcheln vor sich hin. Trotzdem sind die Vereinigten Staaten noch immer nicht zusammengebrochen. Gleichzeitig hat sich die Lage in allen vier Bereichen immer weiter verschlechtert. Auf die Frage „Wie viel schlimmer muss es eigentlich noch werden?“ gibt es keine vernünftige Antwort. Dass es schlechter wird, ist kaum zu bestreiten. Gibt es eine Grenze, ab der irgendwann etwas nachgibt? Wahrscheinlich. Aber wir wissen nicht, wo sie liegt. Uns bleibt nur, Abstand zu halten und zuzusehen. Neugierige Menschen wollen trotzdem wissen: Wie lange kann dieses Schauspiel noch weitergehen?

Die Suppe des Supermachtzusammenbruchs ist jedenfalls kochend heiß, servierfertig und alles andere als appetitlich. Wenn meine Hypothese stimmt, müssten die Vereinigten Staaten irgendwann tatsächlich zusammenbrechen, so wie die Sowjetunion. Aber es sind inzwischen mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit ich diese Hypothese erstmals formuliert habe. In der Vergangenheit habe ich die unangenehme Frage nach dem Zeitpunkt gern mit allgemeinen Überlegungen beiseitegeschoben. Große historische Brüche lassen sich nun einmal schlecht terminieren. Vom Zusammenbruch der Sowjetunion wurden praktisch alle überrascht, also liegt es nahe, dass auch ein amerikanischer Zusammenbruch überraschend käme. Man kann durchaus erkennen, dass etwas irgendwann versagen wird, ohne sagen zu können, wann. Ein Arzt kann wissen, dass ein Krebspatient sterben wird, ohne den Tag zu kennen. Ein Ingenieur kann feststellen, dass eine Brücke nicht mehr sicher ist, ohne sagen zu können, in welcher Minute sie einstürzt. Manchmal machen zusätzliche Informationen eine Prognose sogar schlechter, weil jede neue Variable Unsicherheit mitbringt.

Das alles ist jedoch ausgesprochen unbefriedigend, und ich habe zunehmend das Gefühl, meine Leser auf einen Weg geschickt zu haben, der irgendwann im Gebüsch endet. Die Leute wollten wissen, wann sie ihre Vorräte an Dosenfleisch und Schrotpatronen auf den Pick up laden und in die Berge verschwinden sollten. „Wenn euch danach ist, könnt ihr das jederzeit tun“, habe ich ihnen immer gesagt. Aber irgendwann muss eine bessere Antwort her, und inzwischen glaube ich, dass ich sie gefunden habe. Wenn ich lange genug über ein Problem nachdenke, fällt mir gelegentlich tatsächlich etwas ein. Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert. Manchmal passiert es, manchmal nicht. Diesmal ist mir aufgefallen, dass mein Vergleich zwischen Sowjetunion und Vereinigten Staaten von Anfang an einen grundlegenden Fehler enthielt. Die beiden Systeme waren eben doch nicht spiegelbildlich. Es gibt einen entscheidenden Unterschied, den ich bisher übersehen habe. Natürlich waren beide industrielle und militärische Supermächte des 20. Jahrhunderts, natürlich standen ihre Ideologien gegeneinander und natürlich passt meine Kollapssuppe erstaunlich gut auf beide. Aber ganz symmetrisch waren sie eben nicht.

Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Vereinigten Staaten ein Kolonialimperium sind, ähnlich wie einst das Britische Empire und andere westliche Imperien. Diese Imperien lebten davon, ihre kolonialen Besitzungen wirtschaftlich auszuschöpfen. Sie holten Rohstoffe und Reichtum heraus und verhinderten gleichzeitig deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Nebenbei zwangen sie ihnen dauerhafte Schuldknechtschaft auf und setzten ihre Handelsinteressen notfalls militärisch durch. Heute braucht man dafür keine Kanonenboote mehr. Man hat die Kontrolle über Massenmedien, Cyberkrieg, Farbrevolutionen, den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und das amerikanische Finanzministerium mit seinem nahezu unbegrenzten Vorrat an Sanktionen. All das sind Mittel, um andere Länder gefügig zu machen. Und Gefügigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, Produkte und Rohstoffe zu liefern und dafür amerikanische Staatsschulden entgegenzunehmen.

Das ist die große Wohlstandspumpe, mit der die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten Reichtum aus anderen Teilen der Welt absaugen, ihre Inflation exportieren und große Teile des Planeten an ihr System binden. Diese Pumpe funktioniert inzwischen immer schlechter. Sollte sie irgendwann ganz ausfallen, gibt es allerdings noch eine ältere amerikanische Tradition: Piraterie. Wie gut sie sich im 21. Jahrhundert wiederbeleben lässt, wird man sehen. Versuchen wird man es. Schließlich ist das Verfahren denkbar einfach. Man erklärt ein Schiff zur Schattenflotte oder seine Ladung zum Sanktionsgegenstand, und plötzlich gehören Schiff und Ladung jemand anderem, ohne dass dafür bezahlt werden muss.

Von ihren frühesten Anfängen an, von englischen Siedlern, die den Ureinwohnern ihr Land nahmen, bis zu Freibeutern, die spanische Galeonen ausraubten, waren die Vereinigten Staaten damit ein räuberisches Gebilde, ein Imperium. Die Sowjetunion war dagegen ein antikoloniales Imperium. Russland nimmt unter den Nationen der Welt eine besondere Stellung ein. Ob mittelalterliche Rus, Zarenreich, Sowjetunion oder Russische Föderation, der Westen hat dieses Land nie dauerhaft verschlingen und unterwerfen können. Man hat sich eingemischt, ist einmarschiert, hat interveniert und versucht, Aufstände anzuzetteln. Das Ergebnis entsprach selten den Erwartungen. Russland hatte immer seinen eigenen Kopf und genügend Macht, ihn auch zu behalten. Heute umfasst die Russische Föderation etwa ein Neuntel der Landfläche unseres Planeten, verteilt über elf Zeitzonen. Das ist weniger als das Sechstel der weltweiten Landfläche, das einst von der Sowjetunion und ihren Verbündeten kontrolliert wurde, aber Russland bleibt das größte Land der Erde. Sein Territorium enthält einen gewaltigen Anteil der weltweiten Rohstoffreserven und ist zugleich so gut verteidigt, dass jeder Versuch, es von außen dauerhaft zu kontrollieren, reichlich optimistisch wäre.

Russland war deshalb nie ein Imperium im klassischen westlichen Sinn. Eher das Gegenteil, ein Antiimperium. Es folgte nicht dem westlichen Modell kolonialer Ausbeutung, sondern unterstützte andere Länder und förderte ihre Entwicklung. Russland finanzierte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der vierzehn übrigen Sowjetrepubliken, der osteuropäischen Verbündeten und zahlreicher Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika. Mehr als vierzig heutige Staaten verdanken ihre Unabhängigkeit oder zumindest einen wesentlichen Teil davon russischer oder sowjetischer militärischer Hilfe, Diplomatie oder internationalen Vereinbarungen. Einige davon, insbesondere in Osteuropa, erwiesen sich später als erstaunlich undankbar. Andere, vor allem in Afrika, Lateinamerika und Asien, erinnern sich durchaus daran. Nur kann man sich von Dankbarkeit wenig kaufen. Russland war wirtschaftlich betrachtet selten der große Gewinner dieser Beziehungen. Meist profitierten die Empfängerländer. 1990 war die Sowjetunion schließlich erschöpft. Sie konnte nur noch auf ihre eigenen Ressourcen zurückgreifen, und diese waren weitgehend aufgebraucht.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übernahm die Russische Föderation dennoch offiziell die gesamten sowjetischen Auslandsschulden in Höhe von 104,5 Milliarden Dollar. In den folgenden 26 Jahren zahlte Russland jeden einzelnen Dollar zurück. Gleichzeitig erließ die Russische Föderation anderen Staaten mehr als 140 Milliarden Dollar an Schulden. Zusammengerechnet und inflationsbereinigt ergibt das beinahe eine halbe Billion Dollar. Das ist mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt von achtzig Prozent aller Staaten dieser Erde.

Das war also der Weg, den Russland wählte. Die Sowjetunion erkannte, dass ihr System nicht mehr funktionierte und nicht weitergeführt werden konnte. Sie brach auseinander, entledigte sich ihrer Abhängigkeiten, Russland bezahlte die übernommenen Schulden und verzichtete auf einen großen Teil seiner Forderungen gegenüber anderen Ländern. Kaum zwei Jahrzehnte später war das Land kleiner, aber stärker und wohlhabender. Und inzwischen steht es nicht mehr allein. China, Indien, Iran und andere große Staaten sind erheblich mächtiger geworden und nicht länger bereit, amerikanische oder westliche Ausbeutung hinzunehmen. Sie ließen sich vom russischen Beispiel als dauerhaftem Gegengewicht zum westlichen Imperialismus inspirieren. Schritt für Schritt verdrängen sie den US Dollar aus dem Welthandel. Immer mehr Länder handeln miteinander in ihren eigenen Währungen und über eigene Zahlungssysteme. Washingtons einst globale Reichweite ist deutlich geschrumpft, und amerikanische Wirtschaftssanktionen haben einen erheblichen Teil ihrer Wirkung verloren.

Damit stellt sich die Frage: Was machen die Vereinigten Staaten jetzt? Werden sie den sowjetischen Weg gehen, ihre Abhängigkeiten loslassen, ihre Truppen aus Stützpunkten in aller Welt zurückholen und hart daran arbeiten, ihre Schulden zu bezahlen? Darauf würde ich nicht wetten. Kolonialreiche reagieren auf ihren Niedergang gewöhnlich genau andersherum. Zuerst plündern sie ihre Kolonien aus, bis dort nichts mehr zu holen ist. Dann nehmen sie ihre Verbündeten aus. Danach kommen die eigenen Bürger dran. Und ganz am Ende erscheint irgendein Usurpator, nimmt sich den Rest und erklärt einen Neuanfang. Das ist kein sauberer Zusammenbruch. Es ist etwas sehr viel Schändlicheres. Ich nenne es einen „Verfall ohne Sollbruchstelle“.

Im Ingenieurwesen gibt es den Begriff „graceful degradation“. Ein vernünftig konstruiertes System soll bei einem Fehler nicht schlagartig und vollständig ausfallen. Teile können versagen, die Leistung sinkt, aber das System funktioniert auf niedrigerem Niveau weiter. Schäden sollen begrenzt bleiben. Mein Begriff „disgraceful degradation“ spielt darauf an, beschreibt aber zugleich das Gegenteil. Ein System verliert seine Fähigkeit, Fehler aufzufangen. Defekte bleiben nicht lokal begrenzt, sondern wandern weiter. Ein Problem erzeugt das nächste, Belastungen werden an andere Stellen weitergegeben, bis auch diese nachgeben. Das System zerfällt nicht unbedingt in einem einzigen großen Augenblick. Es verliert Stück für Stück seine Tragfähigkeit. Deshalb nenne ich es einen Verfall ohne Sollbruchstelle.

Damit komme ich zu meiner neuen Prognose. Die Vereinigten Staaten werden nicht so zusammenbrechen wie die Sowjetunion. Stattdessen werden sie langsam bergab gehen und einem Verfall ohne Sollbruchstelle folgen. Sie werden versuchen, den noch vorhandenen Wohlstand aus Europa, Japan und Südkorea herauszuziehen, solange diese Länder militärisch und politisch an Washington gebunden bleiben. Australien und Kanada dürften ebenfalls ihren Beitrag leisten. Auch die gesamte Eurozone bietet reichlich Möglichkeiten. Der Euro hängt eng am Dollarsystem, und im Krisenfall hängt die Versorgung mit Dollarliquidität unter anderem von Swaplinien der Federal Reserve ab. Damit besitzt Washington erheblichen Einfluss. Noch braucht man solche drastischen Mittel allerdings gar nicht. Die Europäer lassen sich bislang recht zuverlässig dazu bringen, sich selbst ärmer zu machen und gleichzeitig amerikanische Rüstungskonzerne reicher. Angeblich geschieht das zur Verteidigung des Regimes in Kiew, zur Vorbereitung auf einen Krieg gegen Russland oder unter irgendeinem anderen gerade passenden Vorwand. Gleichzeitig läuft in den Vereinigten Staaten mit dem gewaltigen Ausbau der künstlichen Intelligenz der nächste große Mechanismus zur Umverteilung von Vermögen an. Dabei werden auch Rentenvermögen, Versicherungen und andere Ersparnisse der Amerikaner eingesetzt. Das offensichtliche Ziel besteht darin, dass eine kleine Zahl von Milliardären rechtzeitig ihre Gewinne realisiert, bevor das Ganze zusammenbricht.

Es wird interessant sein, zu beobachten, bis zu welchem Ausmaß an Zynismus und Verkommenheit die Amerikaner hinabsteigen werden, bevor sie gezwungen sind, ihr nationales Projekt für gescheitert zu erklären. Vielleicht geschieht das erst, wenn alle Länder, die Washington noch kontrollieren kann, verarmt, deindustrialisiert und gesellschaftlich zerrüttet sind. Vielleicht kommt diese Erkenntnis aber auch überhaupt nicht. Warum sollte man das eigene Scheitern und die eigene Mitverantwortung eingestehen? Ist es nicht viel angenehmer, weiter davon zu schwadronieren, man sei das beste und großartigste Land der Welt? Und ist es nicht genau das, was die Amerikaner inzwischen erwarten? Alle vier Jahre taucht irgendein Clown auf und verspricht, Amerika wieder groß zu machen. Dann zieht er ein paar Betrügereien durch und verschwindet mit der Beute. Die Amerikaner kennen die Nummer inzwischen. Aber was wäre, wenn tatsächlich einmal jemand auftauchte und versuchte, etwas Konstruktives zu tun? Wäre das nicht hoffnungslos naiv? Vermutlich würden die Amerikaner es sogar lustig finden.

Damit lautet meine neue Prognose: Die Sowjetunion brach von innen nach außen zusammen. Die Vereinigten Staaten verfallen von außen nach innen. Vielleicht werden sie am Ende überhaupt nicht sichtbar zusammenbrechen. Vielleicht ist ihr Inneres bis dahin bereits so weit ausgehöhlt, dass niemand mehr genau sagen kann, was eigentlich zusammengebrochen ist. Wenn es irgendwann keine wirklichen „Staaten“ mehr gibt oder nur noch einige wenige, die nicht mehr besonders „vereint“ sind, was bleibt dann überhaupt noch übrig, das zusammenbrechen könnte? Irgendein lokales Verbrechersyndikat? Nun gut. Dann wird es irgendwann eben durch ein anderes lokales Verbrechersyndikat ersetzt. So ist das Leben.

Ich werde den weiteren Verlauf dieses Verfalls ohne Sollbruchstelle weiterverfolgen. Das werde ich auf diesem Kanal tun und auch auf meinem Blog bei boosty.to/cluborlov, wo viele meiner Bücher und Artikel kostenlos verfügbar sind. Künftig möchte ich darauf verzichten, Empfehlungen dazu abzugeben, was Menschen angesichts all dessen tun sollten. Die Inhalte, die ich künftig anbiete, sollen rein informativ sein.