Ausgezeichneter Blogbeitrag von Ugo Bardi. Auszüge:
Im Sinne eines senecaischen Kollapses beginnt der Zerfall nicht mit dem Versagen von Institutionen, sondern mit der Erschöpfung der energetischen, affektiven und kognitiven Überschüsse, die Glauben, Reformen und Anpassung einst lohnenswert erscheinen ließen.
Deshalb sollte Desertion (Franco Berardi) (Fußnote 4) nicht als Nihilismus verstanden werden, sondern als rationale Ethik in einer Phase energetischen Niedergangs. Wenn Souveränität keinen Glauben mehr hervorruft, Reform nur noch als aufgeschobene Fantasie funktioniert und Durchsetzung sich von Legitimität entkoppelt, wird fortgesetzte libidinöse Investition unvernünftig. Desertion bezeichnet weder Passivität noch Rückzug. Sie bezeichnet einen strategischen Entzug von Affekt, Glauben und Hoffnung aus Systemen, die sich nur noch durch die Extraktion immer größerer psychischer und sozialer Energie reproduzieren können – Systeme also, die gerade deshalb beschleunigen, weil ihre energetische Basis versagt.
Desertion bedeutet in diesem Sinne nicht, das Recht aufzugeben, sondern seine Verwandlung in ein Residuum zu akzeptieren: eine Erinnerung an Verpflichtung ohne Macht, ein Maßstab, der keine Durchsetzung mehr autorisiert und sie doch weiterhin anklagt. Entzogen wird nicht Ethik oder Handlungsfähigkeit, sondern die Teilnahme an einer juristischen Ordnung, die sich selbst von genau den Verpflichtungen ausgenommen hat, die sie zu erzwingen beansprucht. Unter Bedingungen systemischer Erschöpfung, in denen Legitimität versiegt ist, Durchsetzung jedoch fortbesteht, wird der Entzug libidinöser Investition nicht zu Nihilismus, sondern zu einer notwendigen Haltung – einer Haltung, die weder Unvermeidlichkeit unterstellt noch den Kollaps vorhersagt, sondern sich weigert, so zu handeln, als sei fortgesetzte Beschleunigung die einzig verbleibende Form von Handlung, oder als hätten Zurückhaltung, Verweigerung und selektive Nicht-Kooperation in der Gegenwart keine Bedeutung mehr.
Und die erwähnte Referenz:
Fußnote 4 –
Franco Berardi, Quit Everything: Interpreting Depression (Repeater, 2024).
Berardi interpretiert Depression nicht primär als individuelle Pathologie, sondern als systemisches Signal, das entsteht, wenn psychische, libidinöse und kognitive Energien über nachhaltige Grenzen hinaus beansprucht werden. Unter Bedingungen gesellschaftlichen und energetischen Überschreitens wird Rückzug („Desertion“) zu einer rationalen adaptiven Reaktion statt zu einer nihilistischen Verweigerung: eine Reduktion der Teilnahme, die materielle Schrumpfungsprozesse und Dynamiken eines senecaischen Kollapses widerspiegelt, bei denen Systeme schneller zerfallen, als Subjekte sich bewusst anpassen können. Desertion bezeichnet in diesem Sinne eine ethische Weigerung, beschleunigenden Systemen weiterhin affektive und kognitive Energie zuzuführen, wenn diese weder stabilisiert noch reformiert werden können.

